Ich, der freundliche Schlossknacker aus der Nachbarschaft

Mein Nachbar von Gegenüber – den ich bis vor kurzem gar nicht kannte – hat sich versehentlich ausgesperrt. Er hat nach dem falschen Schlüssel gegriffen, hat die Haustür hinter sich ins Schloss gezogen und ist in die Waschküche gelaufen um seine Wäsche aufzuhängen. Barfuß natürlich, denn Schuhe sind was für Spießer. Als er mit der Wäsche fertig war und in die heimischen vier Wände seines WG-Zimmers zurück wollte, musste er mit Bedauern feststellen, dass der Schlüssel nicht passt und sein WG-Mitbewohner nicht auf macht. Da half auch kein Klopfen von Außen an der Fensterscheibe. Er hatte sich ausgesperrt.

Es war schon lange nach Mitternacht und unser Besuch, mein Mann und ich saßen auf der Treppe die in unseren Microgarten führt. Ich musste mir dabei missbilligende Kommentare darüber anhören, dass das doch doof sei, dass ich rauche und dass ich es doch mal lassen solle. Plötzlich vernahmen wir ein lautes und energisches Klopfen. Wir streckten alle unsere Hälse um über das Gebüsch hinweg zur anderen Straßenseite zu schauen. Da sahen wir ihn: Zerzaustes Haar, Pauli-Pulli, keine Schuhe. Es war klar, dass da etwas nicht stimmen konnte, doch der Junge hatte einen Pauli-Pulli an und diese Jungs sind dafür bekannt, dass sie seltsam sind. Es hat keine fünf Minuten gedauert, da tappte der junge Mann – nennen wir ihn Klaus – zu uns herüber und frug um Hilfe. Er habe seinen Schlüssel zuhause liegen, der Mitbewohner mache nicht auf. Ob wir nicht im Radisson anrufen können, wo die beiden – sein Mitbewohner und er – arbeiten, dann könne er so die Nummer seines Mitbewohners bekommen und den vielleicht wach klingeln. Pauli-Pulli hin oder her, ich reiche niemandem mein iPhone über die Hecke, da kann er noch so barfuß sein. Aber ich bin ja ein Gutmensch und helfe gern, also sind wir – mein Mann, der Besuch und ich – kollektiv vor die Tür gegangen und haben ihn mit dem Radisson telefonieren lassen.

Plötzlich fiel mir ein, dass ich doch im Dezember auf dem 30c3 war (wie ich zum Jahresanfag geschrieben habe) und dass es da doch so einen Stand von den Sportsfreunden der Sperrtechnik gegeben hat an dem mir einer gezeigt hatte, wie man mit so einer waberigen Plastikkarte eine ins Schloss gefallene Tür öffnet. Also bin ich wieder ins Haus gerannt, habe meine Karte – welche ich auf dem 30c3 geschenkt bekommen habe und die noch immer im Rucksack war – mir geschnappt und bin damit zu des Nachbars Haustür gerannt. „Mehr als es zu versuchen kann ich ja auch nicht„, sagte ich, während ihn bereits das Radisson zurückgerufen hat und er sich um Kopf und Kragen redete um die Telefonnummer seines Mitbewohners zu bekommen, welche das Radisson wirklich nicht herausrücken wollte. Ich derweil – leicht angetrunken, was meiner Geschicklichkeit nicht half –  habe mich versucht daran zu erinnern wie das mit dem Türaufmachen denn überhaupt ging. Zwar hatte ich es auf dem Kongress genau gezeigt bekommen, doch die Übungstür war aus Plexiglas, also konnte ich meine jede Bewegung genau beobachten. Und selbst dabei hatte ich mich wirklich doof angestellt. Nun stand ich vor einer Tür, die echt nicht übel war und fummelte mit meiner Karte daran rum und kam einfach nicht um die Ecke. Ich bog meine Karte ein wenig, setzte etwas mehr Gewalt an – mittlerweile zitterten meine Hände vor Aufregung – und dann fing der Teil an, der nicht anders zu beschreiben war als eine Mischung aus drücken, ziehen, mit der Karte vor und zurück fummeln und noch eine Priese Glück dazu und plötzlich – wie von alleine – stand die Tür ebenso offen wie die Münder aller anwesenden.

„Äh, hat sich erledigt, die Schlossknacker von nebenan haben grad die Tür aufgemacht“, sagte der Nachbar Klaus in das Telefon hinein und legte auf.