…über Weiblichkeit

„Du bist ein Mädchen“ hat man mir gesagt. „Du musst dich mehr wie ein Mädchen verhalten.“ Manchmal hieß es auch „Sowas machen Mädchen nicht“ oder „Mädchen dürfen nicht im Dreck spielen.“ Ich wollte kein Mädchen sein. Es schien, als wäre alles, das Spaß macht, verboten. Als wäre die Welt schwarz und weiß und ich mich nicht einmal entscheiden konnte, auf welcher Seite ich stehen will. Natürlich hat es Spaß gemacht, mit Barbies zu spielen… Aber Lego war auch toll und ich liebte diese kleinen Autos, die man zurück ziehen musste, damit sie über den Teppich rasen. Ich hatte nur eins davon und das habe ich von irgendwem bekommen, der es nicht mehr mochte.

Schöne Kleider tragen fand ich aber toll. Ich hatte zwar nicht so viele, weil wir hatten ja nichts, aber die, die ich hatte, habe ich vom ganzen Herzen geliebt. Ich musste damals jeden Sonntag in die Kirche und diese Kleider machten es tatsächlich sogar angenehm. Aber dafür waren die Leute umso schlimmer. Dieses „Du siehst ja putzig aus“ oder „Wer hätte gedacht, dass du ein richtiges Mädchen sein kannst“

Recht früh habe ich erkannt, dass zwar jeder will, dass ich ein Mädchen bin, aber mir keiner sagen möchte warum und vor allem was dieses Mädchen Sein überhaupt ist. Die Jungs hatten kurze Haare, durften keine Kleider tragen und spielten draußen Fußball. Ich wollte auch Fußball spielen, aber nicht weil ich es interessant fand, sondern eher, weil es verboten war. Statt dessen saß ich zuhause, machte meine Hausaufgaben oder laß aus irgendwelchen Büchern vor. Es war angeblich ganz wichtig, das Mädchen schön vorlesen können. Schön schreiben sollte ich auch. Ein mal hat ein Junge aus meiner Klasse mir seine Aufgaben vorbei gebracht, weil ich krank gewesen bin. Ich fand seine Schrift sehr hässlich, aber es hieß „Für einen Jungen ist sie sehr schön“

Was sollte das überhaupt? „Für einen Jungen“ Es ist doch eh schon so schwer ein Mädchen zu sein und an Jungs werden auch noch viel weniger Ansprüche gestellt? Ich war gekränkt. Ich habe mich geweigert ein Mädchen zu sein. Ich habe Hosen getragen und bunte Farben wollte ich auch nicht und meine Schrift war nicht länger geschwungen, sondern bestand zunehmend aus Druckbuchstaben. Niemand wird mich zwigen ein Mädchen zu sein. So dachte ich zumindest.

Es fühlte sich an, als hätte sich von Heute auf Morgen was verändert. Plötzlich schminckten sich die anderen Mädchen. Sie kicherten. Sie stichelten die Jungs und liefen in Grüppchen durch die gegend. Dann noch diese Schuhe, die mit den Absätzen. Die Lehrer verboten natürlich alles, was aufreizend war, aber die Mädchen fanden immer einen Weg sich da raus zu schlingen. Nagellack. Wimperntusche. Haare, die gefärbt wurden. Ich saß da, mit meinem langweiligen Zopf, meinen schwarzen Jeans, meinem alten T-Shirt und ich wollte nicht, dass es anders wird. Ich habe es geschafft, kein Mädchen sein zu müssen und meine Welt war bis dahin völlig in Ordnung. Dann hat mein Körper mich verraten. Auf meiner Brust sammelte sich Fett an. An den sinnlosesten Stellen wuchen mir plötzlich Haare. Ich dachte, ich würde sterben, als ich plötzlich und unerwartet anfing zu bluten, an einer Stelle, wo niemand bluten sollte. Und das schlimmste war, als sie sich alle gegen mich verschworen haben und es hieß, dass ich mir die Beine rasieren müsse, wenn ich kurze Hosen tragen will.

Meine Welt war nicht länger meine Welt. Und in dieser neuen Welt schien kein Platz für mich zu sein. Auf einmal war keine Rede mehr von Mädchen und was ein Mädchen ausmacht und was nicht. Jetzt waren wir alle Frauen. Zugegeben, Jügendliche, aber trotzdem Frauen. Es hieß nun ich muss eine richtige Frau werden und es machte den Eindruck, als ob es ein geheimer Club wäre, in den man dann aufgenommen wird. Die anderen jungen Frauen hatten dieses Make-Up schon ziemlich gut drauf. Wenn ich es versuchte, sah ich aus wie ein Papagei. Sie konnten alle schon auf Absätzen laufen. Ich sah aus, wie eine seltsame Krähe, wenn ich heimlich die Schuhe meiner Ma stibitzt habe. Die anderen machten sich Lustig über mich und als ich meine Mutter dann tatsächlich um Hilfe geben habe, sagte sie, dass ich zu jung für sowas sei. Das war die schlimmste Form vom Verrat.

Ich war verzweifelt. Ich wollte nicht mitmachen, aber es führte kein Weg drum herum. Die Jungs machten den Eindruck, dass sie sich nur für die Mädchen interessierten, die dieses Frau Sein richtig gut konnten. Und für mich interessierte sich niemand. Ich weiss nicht, was schlimmer war: dass ich einfach nur dazu gehören und wissen wollte, wie es ist, von Jungs gemocht zu werden, oder dass ich nicht selten, die Mädchen wesentlich interessanter fand. Natürlich konnte ich niemals mein Interesse bekunden. Ich habe mal einen Jungen zu lange angeschaut und wochenlang hieß es, dass ich verlieb sei. Diese Art der Aufmerksamkeit war nicht etwas, dass man haben wollte. Die Lachnummer sein. Das ist nicht weiblich. Das ist nicht etwas, was Frauen passiert. Erhabenheit ist was ich anstrebte, auch wenn ich sie nie auch nur im Ansatz zu greifen bekamm.

Ich dachte, es könnte nicht mehr schlimmer werden, doch ich lag falsch. Es kam die Zeit der Parties und der Trunkenheit und diese zog mit sich ganz andere Probleme. „Du siehst aus wie eine Nutte. So gehst du nicht aus dem Haus!“ Meine Mutter wusste schon immer, wie man mit Komplimenten um sich wirft. Dabei sah ich lediglich wie alle anderen Mädels aus. Der Rock zu kurz, der Absatz zu hoch, der Ausschnitt zu tief, das Make-Up zu stark und was ich auf dem Kopf hatte, konnte man nur mit sehr viel Wohlwollen als eine „Frisur“ bezeichnen. Niemand sagte mir, wie es richtig geht und meine Vorbilder waren entweder unerreichbar oder einfach nur die anderen Mädchen, die nun junge Frauen waren. Ich hatte den Eindruck, dass jede es besser konnte als ich. Dass ich nichts mehr tun konnte, um mich irgendwie abzuheben. Und dabei fand dieses Wettrüsten nicht einmal mehr für die Jungs statt. Wir Frauen haben alles getan, damit die anderen Frauen uns als richtige Frauen sehen.

Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich Stunden vor dem Spiegel stand, mich bürstete, mich schminkte, mich anzog. Wie ich jede Strene meiner Haare perfekt haben wollte. Wie ich mit einer Sicherheitsnadel meine Wimpern von einander trennte, weil sie vom Mascara verklebt waren. Meie Brauen nachzuziehen hat alleine schon eine Stunde gedauert. Doch dann war ich perfekt. So perfekt, wie ich es nur sein konnte. So perfekt, wie all diese anderen Frauen, die mir das gefühl gaben, niemals eine von ihnen zu sein. Ich ging hinaus in diese Welt, aufgeregt und auf die Reaktionen gespannt. Die Jungs fanden mich sehr spannend. Die Frauen haben mich nieder gemacht.

Erneut habe ich beschlossen, nicht länger eine von ihnen zu sein. Ich habe beschlossen, dass alle Frauen dumm sind und ich nicht ebenfalls dumm sein will. Ich habe beschlossen, dass ich machen werde, was ich möchte und nicht weill es sich gehört oder es jemand erwartet. Wenn ich mir im Suff die Beine breche, weil ich von meinen Heals gefallen bin, ist es doch eh egal, für wen ich sie getragen habe. Und wenn ich morgens aussehe wie ein Panda, dann war es meine Entscheidung, mich nicht abzuschminken und keiner wird mir sagen, dass man es als Frau ja ganz anders macht. Natürlich beobachtete ich weiterhin diese seltsamen Wesen, welche in meinen Augen die Definizion der Weiblichkeit waren. Ich lernte von ihnen. Ich würde aber niemals so wie sie sein. Ich legte mit den Jahren all diese Ansprüche ab. Dieses „Du kannst nicht ohne Make-Up aus dem Haus“ oder „Du kleidest dich nicht einmal mehr wie eine richtige Frau“ Es ist faszinierend, was passiert, wenn man aufhört es zu versuchen und sein eigenes Ding macht. Und wie sehr einem das Herz blutet, wenn man plötzlich von jemandem hört, man sei die perfekte Frau.